2009: caleidoscopio

Regional, Brugg

Eintauchen in tanzende Gärten

Das Ganze ist ein Werk von Brigitta Luisa Merki, der zum 25 Jahr-Jubiläum der Aargauer Compagnie Flamencos en route mit "caleidoscopio" ein genialer Wurf gelang.
Die Faszination des Kaleidoskops als optisches Spielzeug ist uns allen bekannt. So wie in Königsfelden dargestellt, haben wir es aber noch nie empfunden. Durch die sechs beweglichen Statuen von Gillian White lassen sich wechselnde Bilder erzeugen, die von den sechs TänzerInnen, von den Sängerinnen, Perkussionisten und Gitarristen geformt werden; unterstützt durch die gelungene Lichtführung von Veit Kälin, unterstrichen durch die Kostüme von Carmen Perez Mateos. Das Ganze unter einen Hut gebracht von Produktionsleiter Pitt Hartmeier: Ein Jubiläumsgeschenk an alle, die "caleidoscopio" in den nächsten Wochen bis 14. Juni sehen dürfen.
Brigitta Luisa Merki und ihre Compagnie Flamencos en route haben es fertiggebracht, unter „Mithilfe“ der auch dem Tanz verschriebenen Gillian White der Klosterkirche eine weitere neue Dimension zu verleihen, dem Publikum ein einmaliges Erlebnis zu vermitteln und nicht zuletzt auch zu beweisen, dass Kunst von Können kommt.

Ernst Rothenbach, Regional, Brugg, 28.05.2009


Der Landbote

Unterwegs zu neuen Tanzformen

Die Tanzcompagnie Flamencos en route bewegt sich abseits vom Mainstream der gängigen, auf einen bestimmten Stil festgelegten Spielorte und Festivals Zeitgenössichen Tanz- und Theaterschaffens. Denn sie geht konsequent ihren eigenen Weg der künstlerischen Innovation und kreativen Auseinandersetzung mit heute Bestehendem und Traditionellem.
"caleidoscopio" ist der zweite Teil der Trilogie "Tanz & Kunst Königsfelden", die das Ziel verfolgt, den Respekt vor dem denkmalgeschützten, in sich geschlossenen Kirchenraum von ewiger Schönheit mit einem aktuellen, zeitlich begrenzten künstlerischen Eingriff in Einklang zu bringen. Im ersten Teil "resonancias" von 2007 arbeitete Brigitta Luisa Merki mit dem Baukünstler Christoph Rösch zusammen. Damals verlief die Blickrichtung des Publikums quer zum Hauptschiff und fiel über den bemalten Holzboden hinweg auf die stehenden Bildplatten im linken Seitenschiff.
In "caleidoscopio" sind Skulpturen von Gillian White ins Bewegungsgeschehen integriert. Die Zuschauertribüne ist gegen den Haupteingang ausgerichtet. Bei Vorstellungsbeginn ist die Türe geschlossen. Darüber bringt die Dämmerung das Farbespiel des westlichen Glasfensters zum Leuchten; davor sind sechs Objekte so gruppiert, dass sie mit ihren vielfach gebrochenen Linien wie ein Gestrüpp wirken.
In den 80 Minuten treten die beweglichen Objekte in stetig sich verändernder Gestalt in Erscheinung. Die immer wieder anderen Aspekte sind ein wesentlicher Teil der lebendig bunten Bilderfolge von "caleidoscopio". Im Tanz und in der Musik ergibt sich ein Wechsel der Formen und Muster dagegen durch die Mischung heterogener Elemente. Der Flamenco wird dabei enorm erweitert und mit unterschiedlichen Bewegungsarten und Rhythmen durchgesetzt, wobei irritierende Reibungen und die gegenseitige Durchdringung von Gegensätzlichen das optische Spiel gleichermassen vorantreiben.

Ursula Pellaton, Der Landbote, 26.05.2009


Aargauer Zeitung

Tanz im endlosen Zaubergarten

Flamencos en route brillieren in Königsfelden mit "caleidoscopio". Die Produktion ist der zweite Teil der Trilogie "Tanz & Kunst Königsfelden".
Kaum betritt das Publikum beim Eindunkeln die Klosterkirche Königsfelden, findet es sich in einer andern Welt. Die Skulpturen von Gillian White stehen wie fremde Säulen im Kirchenschiff und verwandeln sich im Verlaufe des Abends scheinbar in Bäume, exotische Pflanzen oder unbekannte Gestalten. Die Atmosphäre in der Kirche ist von einer ruhigen Sinnlichkeit durchdrungen, wie in einem Geheimnisvollen Zaubergarten.
"caleidoscopio" heisst die Produktion der Tanzcompagnie Flamencos en route aus Baden. Der Titel bezieht sich auf den griechischen Begriff "schöne Formen sehen" – und das tut das Publikum an diesem Abend unaufhörlich. Die Choreografie der Leiterin und Gründerin der Tanzkompanie, Brigitta Luisa Merki, hat ein Kaleidoskop von Dialogen zwischen Tanz, Raum, Skulptur und Musik geschaffen, wie es schöner und spannungsreicher kaum sein könnte. Mit jedem Schritt und Klang erblüht eine Art dynamisches Labyrinth von Empfindungen, Kräften und Fantasien. Und auch die Lichtgestaltung (Veit Kälin) macht das Kirchenschiff zu einer sich endlos wandelnden Landschaft.
Wie die sechs hervorragenden Tänzerinnen und Tänzer zunächst wie faunähnliche Wesen aufeinandertreffen, um sich schliesslich als Männer und Frauen gegenseitig zu suchen und zu umwerben, zeigt faszinierende Facetten von sich gegenseitig inspirierenden Begegnungen. Im expressiven dichten Bewegungsspiel, das Flamencoschritte mit zeitgenössischem Tanz verbindet, entsteht ein kraftvoller, wunderbar dichter und weit schwingender Dialog der inneren und äusseren Impulse. Der expressive Gesang von Nieves Díaz und Karima Nayt füllt den Raum mit glühenden, poetischen Landschaften und scheint den Tanz anzutreiben oder zu kommentieren. Die beiden Gitarristen Pablo García und Juan Gomez und die Perkussionisten Fredrik Gille und Karo Sampela bieten dazu einen einnehmenden Rhythmus, der vorwärtsdrängt, ohne den Tanz und den Gesang in deren Nuancen zu stören oder überrennen.
Wie sich Tanz, Musik und Raum fortlaufend ruhig und präzise ineinanderweben, hat eine sogähnliche Wirkung, die man so schnell nicht vergisst. Der Choreografin Brigitta Luisa Merki ist das Kunststück geglückt, strukturierte Form und freie Dynamik, explosive Ausdruckskraft und ruhige Innerlichkeit sicher und spannungsgeladen auszubalancieren. Dabei entsteht ein Gleichgewicht der Kräfte, das zuweilen den Eindruck entstehen lässt, das Kirchenschiff würde abheben und als würden Tanz und Musik sich in einen unendlichen Raum ausdehnen.
Die Tänzerinnen und Tänzer (Carmen Iglesias, Raquel Lamadrid, Karima Nayt, Marta Roverato, Eloy Aguilar, Fran Bas, José Merino) zeigen dabei eine brillante Ausdruckskraft, die immer wieder auch in Solos zum Tragen kommt. Vor allem das Solo von Eloy Aguilar scheint alle Kräfte des Flamencos und des Tanzes überhaupt auszudrücken und dabei gleichzeitig neu zu erfinden.
Mit "caleidoscopio" ist Brigitta Luisa Merki und ihrer Kompanie ein Meisterwerk geglückt. Seit 25 Jahren verbindet die Tänzerin und Choreografin, die 2004 mit dem höchsten Schweizer Theaterpreis, dem Hans-Reinhart-Ring, ausgezeichnet wurde, die Sprache des Flamencos mit verschiedenen Kunstformen. Jetzt scheint sie auf dem Weg "en route", in der Auseinandersetzung mit den Kräften kreativen Schaffens, eine besonders wichtige, höchst eindrückliche Station erreicht zu haben.

Eva Bucher, Aargauer Zeitung, 25.05.2009